Patrick Dahlemann Rede vor NPD

Interview mit Patrick Dahlemann – Über Courage in der Politik

Patrick Dahlemann ist SPD-Landtagsabgeordneter in Mecklenburg-Vorpommern. Mit 27 ist er der jüngste Landtagsabgeordnete Mecklenburg-Vorpommerns. Sein Wahlkreis liegt am Stettiner Haff, direkt an der Grenze zu Polen. Eine wunderschöne Region – mit vielen Problemen. Im Jahr 2013 – da war er noch ehrenamtlicher Kommunalpolitiker – demonstriert in seiner Heimatstadt Torgelow die NPD gegen Flüchtlinge. Patrick Dahlemann macht das schier Unglaubliche: Er stellt sich auf die Bühne der NPD und hält eine flammende Rede gegen die Nazis. Mit wem könnte ich also besser über Courage in der Politik sprechen?

Ich verabrede mich mit Patrick Dahlemann im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin. Die Stadt ist richtig schön, der Landtag geradezu bombastisch mondän. Er ist im Schweriner Schloss untergebracht, welches auf einer eigenen kleinen Insel im Schweriner See steht. Ich glaube fast, da kann kein anderer Landtag in Deutschland so wirklich mithalten. Er begrüßt mich in einem kleinen Büro mit einem fantastischem Blick über den See. An einer Wand hinter dem Schreibtisch fällt mir direkt ein Logo von „Storch Heinar“ auf, einer Aktion gegen Rechts.

Interview mit Patrick Dahlemann

Patrick Dahlemann - Interview über Courage in der PolitikPatrick, Du bist bundesweit bekannt geworden, nachdem Du Dich 2013 als SPD-Kommunalpolitiker in Deiner Heimatstadt Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern auf die Bühne einer NPD-Veranstaltung gestellt hast und dort ein flammendes Plädoyer gegen die Nazis gehalten hast. Wie wichtig ist für Dich Courage in der Politik?

Ich würde behaupten, mit Courage fängt alles an. Jeder Mensch, der sich politisch engagiert, muss couragiert sein, muss mutig sein. In der heutigen Zeit in eine Partei einzutreten sorgt zunächst einmal für Diskussionen. Man muss das Ziel haben, anderen Menschen zu helfen und die Gesellschaft insgesamt voran zu bringen. Deshalb ist für mich Courage der Schlüssel zum politischen Engagement.

Das ist bei Dir ja leider sehr konkret mit der Courage. Du bist inzwischen Landtagsabgeordneter und Dein Wahlkreisbüro wird regelmäßig zum Ziel von rechtsextremen Anschlägen.

Ja. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich mich mittlerweile daran gewöhnt habe, aber man stumpft da doch so ein bisschen ab. Ich sehe aber auch, dass ich anscheinend die Dinge anspreche, die den Rechten weh tun. Deshalb glaube ich, dass ich politisch auf einem guten Pfad bin. Ich will die Menschen wieder zurückholen und sie bewegen, wählen zu gehen. Und ich will ihnen sagen: Ihr könnt ein anderes politisches Zuhause haben. Ihr habt eine Alternative. Das treibt mich stark an. Und in meiner Region ist das eben auch bitter nötig.

Hast Du persönlich Angst?

Nein. Angst nicht. Natürlich, wenn ich abends mal alleine in meinem Wahlkreisbüro sitze, mache ich mir schon einmal Gedanken – man weiß ja nie, welche schrägen Typen da gerade unterwegs sind. Oder ein anderes Beispiel: Ich war gestern in Anklam, einer Stadt in der Nähe meines Wahlkreises. Dort musste ich direkt am Marktplatz auf einen Termin warten. Da springen schon einige Gestalten von diesen Truppenteilen rum und ich habe schon gemerkt, wie ich beobachtet wurde. Aber Angst ist das nicht. Ich glaube, mittlerweile verbinden die Leute Engagement gegen Rechtsextremismus und andere politische Themen zu sehr mit meinem Namen, als dass die Rechten sich da gegen mich auslassen würden. Worüber ich mir mehr Gedanken mache, ist die Situation meiner Mitarbeiter und meiner Familie.

„Wenn man nicht ganz stromlinienförmig ist, stößt man bei manchen auf Ablehnung.“

Du hast gesagt, dass dies im Prinzip das Ergebnis davon ist, dass Du Dinge sagst, die anderen weh tun. Ich habe das Gefühl, dass genau das viele Politiker heute versuchen zu vermeiden und nichts Kontroverses sagen wollen. Wie siehst Du das – ist es notwendig, Dinge klar zu benennen und deutlich anzusprechen?

Definitiv, ja. Man macht sich damit aber nicht nur Freunde, sowohl bei den politischen Gegnern – gerade natürlich bei den Rechtsextremen – aber auch innerhalb der eigenen Partei. Wenn man da nicht so ganz stromlinienförmig ist, stößt das bei manchen auf Ablehnung. Es kostet schon viel Kraft, Politik so zu machen. Aber gleichzeitig ist es auch der beste Schutz, nicht in diese Schemata zu fallen, die die Menschen von der Politik erwarten. Ich will meine ganze Kraft dazu aufwenden, in der Region tatsächlich etwas voran zu bringen. Und nur so kann ich damit manchmal auch mehr Gehör finden als manch anderer, der nur die gut klingenden Dinge wiederholt. Natürlich: Unser Land hat sich in den letzten Jahren hervorragend entwickelt, zweifelsohne. Aber wir müssen uns nicht den ganzen Tag gegenseitig sagen, wie schön und super alles ist. Man muss auch die Dinge thematisieren, die unter den Nägeln brennen. Das ist gerade für die Menschen wichtig, für die wir Sozialdemokraten Politik machen. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Ehrlichkeit in die Debatten bringen und klar sagen würden, wo wir noch vor riesigen Problemen stehen.

Auch in Bezug auf die aktuelle Flüchtlingspolitik? Da scheint es ja vor allem zwei Lager zu geben: Die einen, die am Bahnhof „Refugees Welcome“ rufen und die anderen, die zu Pegida rennen. Dazwischen findet man wenig Meinung und wenig Debatte, auch in der SPD.

Ich halte es für fatal, dass wir all diejenigen, die dazwischenstehen und nicht wissen wo sie sich einsortieren sollen, in die rechte Ecke schieben, wenn sie ein paar kritische Dinge sagen. In meine Bürgersprechstunden sind beinahe täglich Menschen mit vielen Ängsten gekommen. Politiker dürfen über Sorgen wie Lärmbelästigung, die Angst über einen möglichen Verlust des Arbeitsplatzes – oder selbst ein Stück weit über den Sozialneid – nicht einfach hinweggehen und die Leute dann abstempeln. Wir müssen uns die Zeit nehmen und die Kraft nehmen, darauf Antworten zu finden. Auch das ist Courage.

Wie machst Du das selbst konkret?

Ich würde behaupten, wir haben das bei mir in meinem Beritt ganz gut gemacht. Dazu haben viele Ehrenamtliche beigetragen. Wir haben uns als Politik das Thema regelrecht auf den Tisch gezogen. Ich habe unzählige Bürgersprechstunden in den Gebieten gemacht, wo wir Asylbewerber untergebracht haben. Natürlich, das waren keine vergnügungssteuerpflichtigen Veranstaltungen. Die haben immer sehr hitzig begonnen. Aber so mache ich das übrigens mit jedem Themenfeld: Ich habe einen riesigen Windpark bei mir. Über den wird massiv diskutiert. Bei einer Veranstaltung dazu haben dann die Leute demonstriert „Dahlemann muss weg“ – das sind nicht die Veranstaltungen, wo man sagt, wow super, davon will ich jeden Tag welche haben. Aber gleichzeitig kann man mit Sachlichkeit und Sachargumenten zeigen, warum man diese Politik macht.

Also darf man den Menschen nicht nach dem Mund reden?

Ich bin überzeugt, wir dürfen nicht einfach nur Mehrheiten hinterher hecheln und die Hoffnung haben, deshalb würden die Leute uns jetzt wählen. Wir müssen sehr geradlinig sein. Auch das ist eine hohe Form von Zivilcourage: Auch mal widersprechen. Diese Politik ist viel schwerer, als den Menschen immer recht zu geben.

Patrick Dahlemanns Rede vor der NPD

Das ist Courage - Patrick Dahlemann vor der NPDIch möchte noch einmal auf Deine Rede auf der NPD-Bühne zurückkommen. Hast Du die eigentlich spontan gehalten?

Ja, ganz spontan. Ich habe seitdem nie mehr so spontan eine Rede gehalten. Bestimmt war sie auch nur deshalb so authentisch, weil sie aus dem tiefsten Inneren kam und ich zu den Menschen reden wollte, die da auf den Balkonen Drumherum standen und zugehört haben. Nur so konnte ich den Elfmeter, den die Nazis da hingelegt haben, verwandeln. Ich kann kein Fußball, deshalb habe ich mich um so mehr gefreut, dass der Ball dann auch ins Tor gegangen ist.

Wie kam das zustande?

Die haben mir das angeboten. Der NPD-Landesvorsitzende Stefan Köster hat gesagt: Herr Dahlemann, ich biete Ihnen 10% meine Redezeit, stellen Sie sich hier hin und erklären sie den Leuten, warum Sie diese Multikulti-Politik machen. Polizei, Ortsverein, und alle um mich rum waren weit weg, weil ich gerade an den Balkonen der Leute auf dem Platz Flyer verteilt habe. Für mich war klar: Das machst du jetzt.

Wie haben die dann reagiert?

Da war schon so eine kurze Verunsicherung. Die waren ja der festen Überzeugung, sie würden mich da jetzt vorführen. Eigentlich sind sie ja davon ausgegangen, ich sage nein. Dann hätten sie wieder durchs ganze Land ziehen und sagen können, schaut Euch an wie feige die Demokraten sind. Der Köster war mit der Situation, als ich ja gesagt habe, total überfordert. Dann bin ich an den Nazis vorbeigelaufen und hatte auch auf der Bühne links und rechts zwei von den Ordnungsleuten im Nacken. Mein Problem war aber vor allem, vor dem großen NPD-Logo zu sprechen. Ich hatte Sorge, dass die das ausschlachten. Aber das ging nicht anders.

„Wir haben ja ein gewisses Agreement, wie man mit der NPD umgeht. Mein Verhalten entsprach nicht diesem Weg.“

Hast Du nach der Rede Probleme bekommen?

Ich kam ohne Probleme von der Bühne, aber danach gingen auch intern die Diskussionen los. Alles was heute so als Erfolg angesehen wird, war innerparteilich erst ganz anders. Da gab es viele Leute, die gesagt haben: Um Gottes willen, bist Du verrückt, wie konntest Du das machen. Das waren aber übrigens nicht die Leute, die mir nahestehen, sondern die Leute die weiter weg sind. Das sind dann auch Erfahrungen, die man für sein Leben machen muss.

Das heißt, du wurdest kritisiert, vor der NPD zu sprechen?

Wir haben ja ein gewisses Agreement, wie man mit der NPD umgeht. Mein Verhalten entsprach eben nicht diesem Weg. Ich war aber fest davon überzeugt, dass es die einzige Chance war, um die Meinungshoheit in diesem Stadtteil zu kämpfen. Und ich glaube, wenn ich das damals nicht gemacht hätte, hätte manches auch anders ausgehen können.

Sigmar Gabriel ist ja mal zu einer Pegida-Veranstaltung gegangen.

Das fand ich hervorragend und genau den richtigen Weg. Ich fand den Vorstoß genau richtig – übrigens auch von dem Leiter der Landeszentrale für Politische Bildung, der ja Sigmar eingeladen hatte. Ich glaube, wir haben da einiges verpasst. Am Anfang waren bei Pegida auch ganz andere Menschen, als diejenigen, die heute AfD und Pegida ausmachen. Man muss mit diesen Menschen sprechen. Da muss man mahnen und auch an die Menschlichkeit appellieren – und eben gleichzeitig Lösungsansätze aufzeigen. Nur so kann die Leute wieder zurückholen. Man darf sie nicht diesem Umfeld überlassen.

Das heißt, im Kampf gegen Rechts mit den Rechten sprechen?

Mit dem bis in die Haarsträhnen gefärbten Kader hat es wenig Sinn. Aber mit den Mitläufern, die dahinterstehen, schon. Ich bin fest davon überzeugt, dass nicht jedes Mitglied der NPD ein überzeugter Nazi ist. Und ich bin noch viel mehr davon überzeugt, dass nicht alle Menschen, die in ihrem Leben ihr Kreuz bei der NPD gemacht haben, rechtsextreme Ideologien bis ins letzte teilen. Da steckt viel Frustpotential dahinter. Diesen Menschen muss die SPD eine politische Heimat geben. Deshalb ist es gerade für uns so schwer, dass wir diese Menschen nicht davon überzeugen konnten, dass wir die Partei der kleinen Leute sind und wir Lösungsansätze haben. Aber genau das muss unser Kraftakt sein: Wir müssen den Menschen Perspektiven aufzeigen.

Wir müssen zeigen, was unsere Antworten auf Probleme sind.“ 

Die AfD und viele Rechte machen leider ein sehr gutes Social Media Marketing und erreichen damit sehr, sehr viele Menschen. Die demokratischen Parteien setzen leider nur wenig dagegen. Du bist da durchaus schon eine Ausnahme und hast auf Facebook über 6500 Follower. Eignet sich nicht gerade Social Media, um Menschen wieder mehr einzubeziehen und sie mehr mitzunehmen?

Klar. Das ist die niederschwellige Form, mit Menschen in Kontakt zu treten und mit ihnen darüber zu diskutieren, was dich politisch bewegt. Und man kann es sehr gut nutzen, um einmal ein Feedback zu bekommen. Aber man darf nicht immer nur rumheulen, wenn Leute mal ein paar kritischere Sachen schreiben. Ich nehme mir in der Regel immer die Zeit und antworte auf alles. Das macht mir sehr, sehr viel Spaß – gerade wenn man bessere Argumente hat als derjenige, der sich da bei Dir auskotzt. Die Frage ist eben, wie authentisch man es am Ende macht. Ich muss mich nicht quälen, um meinen Facebook-Account zu pflegen und mache das auch selbst. Und wenn ich richtig Lust habe, ist auch Twitter ganz intensiv mit dabei. Diese Frage muss sich eben jeder Abgeordnete stellen.

Patrick Dahlemann - Courage in der PolitikUnd was kann man gegen die AfD und andere Rechte tun?

Was nicht geht, ist eine generelle Antwort auf die AfD. Wir dürfen nicht immer rumheulen, wo die an welchen Stellen gut sind und dass wir da Schwächen haben. Die Sozialen Medien sind sicher ein Beispiel dafür. Es gibt aber auch Themenbereiche, wo ich es einfach besser finden würde, wenn wir uns mal stärker auf uns konzentrieren würden. Wir müssen zeigen, was unsere Antworten auf Probleme sind. Wir dürfen uns nicht in jeder Talkshow darüber auslassen, wie gruselig es ist, dass die AfD in Sachsen-Anhalt so stark geworden ist. Na klar, ich war auch schockiert über die Wahlergebnisse. Ich kann aber nur jedem SPD-Mitglied raten, zu sagen: Jetzt erst recht, wir besinnen uns darauf, was unsere Kernkompetenzen sind. Die sind das beste Gegenargument, dass man bei den Rechten nicht sein Kreuz machen darf und das beste Argument, möglichst viele Menschen mitzunehmen. Wenn man das dann in den Sozialen Medien noch glaubwürdig rüberbringt und das auch kontinuierlich tut, haben wir Erfolg.

Aber gerade die Kontinuität fehlt leider oft bei den Internetaktivitäten von Politikern.

Ja. Ich finde nichts ist schlimmer, als die Kollegen, die sechs Monate vor der Wahl ihre aufpolierten Social Media Accounts präsentieren und sich da jemand für 400 Euro einstellen, der das macht. Nach der Wahl dauert es dann wieder drei Jahre, bis der erste Post kommt. Ich finde, das geht gar nicht. Das ist peinlich und dann muss man sich auch nicht wundern, dass die Leute das nicht ernst nehmen.

Wir dürfen uns nicht dafür schämen, das Thema Soziale Gerechtigkeit zu wiederholen.“

Landtag Mecklenburg-Vorpommern SchwerinZurück zu Inhalten. Du sagst, man solle sich lieber auf die eigenen Themen konzentrieren und auf die eigenen Ziele. Siehst Du bei der SPD momentan eine erkennbare Vision?

Wir dürfen uns nicht dafür schämen, das Thema Soziale Gerechtigkeit zu wiederholen. Wenn wir denken, das ist abgedroschen, dann ist das schon sehr fatal. Denn das ist das Grundprinzip, warum wir Sozialdemokraten sind! Eigentlich können wir doch große gesellschaftliche Leistungen feiern: Die Einführung des Mindestlohns beispielsweise. Es lassen sich klar Dinge zeigen, die niemals gekommen wären, wenn die SPD nicht in der Bundesregierung wäre. Die in Mecklenburg-Vorpommern auch niemals gekommen wären, wenn die SPD nicht seit 1998 den Ministerpräsidenten stellen würde. Gleichzeitig müssen wir aber weiter Probleme ansprechen. Ich sehe da die Rentendebatte. Das ist eine riesige Chance. Hier können wir uns als Sozialdemokraten beweisen und zeigen, was es bedeutet, auch weiterhin eine sozialdemokratische Arbeitnehmerpolitik zu haben. Da sehe ich ganz große Visionen drin.

Wo ist dann das Problem?

Ich würde mich freuen, wenn wir diese ganzen Personaldebatten mal beiseitelegen würden. Die SPD ist sich selbst ihr größter Feind. Wir stehen uns selbst im Weg, verlässlich und kontinuierlich Politik machen zu können. Wenn wir jeden Tag in so ein Tränental eintreten, wie unwahrscheinlich beliebt Frau Merkel doch sei, bringt das nichts. Wir dürfen nicht die ganze Zeit auf die Kanzlerin schauen – sondern müssen mit unseren Themen überzeugen. Da würde ich mir wünschen, dass sich die ein oder andere Hinterbänklerreihe einmal zurück hält mit Ratschlägen an die Parteispitze. Ich finde, Manuela Schwesig, Sigmar Gabriel, Andrea Nahles – die machen keinen schlechten Job in der Bundesregierung!

Du gehörst ja zu den jungen in der Partei, bist mit 27 Jahren der jüngste Landtagsabgeordnete in Mecklenburg-Vorpommern. Was können wir tun, damit mehr junge Leute sich engagieren?

Die SPD ist nicht hochrangig attraktiv für junge Leute, das stimmt. Aber ich finde, darüber müssen junge Leute auch nicht rumheulen, sondern vielleicht auch ein Stück weit den Umgang in einer Partei lernen. Wir neigen dazu, wenn wir anfangen Politik zu machen, die Welt von einen Tag auf den anderen ändern zu wollen. Und das dann angefangen im Ortsverein, wo man den Älteren dann immer sagt, was sie alles falsch machen. Was auch schwierig ist: Es gehört in der Politik dazu, dass man lernen muss, manchmal Dinge hinzunehmen, die man als zutiefst ungerecht empfindet. Aber ich gehöre dann nicht zu denen, die darüber lange rumjammern.

Diese innerparteilichen Debatten sind mir beispielsweise zutiefst zuwider.“

Wie sind Deine eigenen Erfahrungen in Deiner Partei?

Landtag Mecklenburg-VorpommernIch habe zu meinen Genossen ein absolutes Vertrauensverhältnis. Das sind meine ehrlichsten Kritiker. Die Kritik ist natürlich manchmal hart und ich musste lernen, damit umzugehen. Am Samstag haben wir in Mecklenburg-Vorpommern in der SPD den Parteitag zur Aufstellung der Liste. Und ich lasse mich nicht auf die Liste aufstellen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Abgeordneten weniger Kraft darin investieren sollten, sich innerparteilich nach oben zu bringen. Es sollte unsere vordringlichste Aufgabe sein, sich in seinem Wahlkreis für die Menschen, für die man ja Politik macht, zu engagieren und da die Kraft einzusetzen. Denn nur, wenn sich 36 Wahlkreise in Mecklenburg-Vorpommern gut entwickeln, geht es auch dem Land gut.

Sollten sich Politiker also weniger auf die Arbeit innerhalb der Parteien konzentrieren?

Diese innerparteilichen Debatten sind mir beispielsweise zutiefst zuwider. Diese Hinterzimmer Gespräche, die es natürlich in der Politik gibt, und die auch keiner weg reden kann, die stören mich sehr. Deshalb habe ich diese Entscheidung getroffen. Das bedeutet aber natürlich: Ganz oder gar nicht. Entweder ich bleibe Mitglied des Landtags, oder bin raus. Aber dann bin ich erst 28 Jahre alt. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich darüber Gedanken machen, wie sie bis zur Rente hier im Landtag sitzen können. Ich mache mir viel mehr Gedanken, wie ich politische Dinge voranbringen kann. Dafür brauche ich einen Wählerauftrag.

Wie fühlt sich das in der Fraktion an, als der „Junge Wilde“?

Naja, die Anfangszeit ist schon besonders. Da gibt es viele, die einen sehr kritisch beurteilen. Ich hatte aber zu einigen ein sehr enges Vertrauensverhältnis. Die haben mich sehr gut unterstützt und mir wichtige Ratschläge gegeben. Man muss lernen, zu sortieren, wer einem hilft und wer nicht grün mit einem ist. Aber da ist ganz normal. Das ist wie in jeder Schulklasse. Ich fühle mich hier sehr wohl.

Man braucht eine besondere Portion Mut und Fleiß und auch ein gewisses Selbstbewusstsein – dann kann jeder alles werden.“

Patrick DahlemannWann hast Du für Dich entschieden, in die Politik zu gehen?

Ich komme ja aus einer Region, die unwahrscheinlich viele, in der tiefsten Struktur liegende Probleme hat. Unsere Lehrer haben uns in der Schule immer gesagt: Bekommt gute Noten, macht Abitur und geht in den Westen, damit ihr Geld verdienen könnt. Ich fand das immer ganz schlimm. Wie kann man denn massenhaft den jungen Leuten sagen, sie sollen die Region verlassen. Es ist doch kein Wunder, wenn sich dieses Tränental dann immer verschlimmert! Das wollte ich ändern. Irgendwann merkt man, dass man gewisse Rahmenbedingungen braucht, um Entscheidungen durchsetzen zu können und Politik mit gestalten zu können. Ich bewundere jeden, der sein Leben lang rein ehrenamtlich Politik macht. Ich habe aber klare Vorstellungen davon, wie sich meine Region entwickeln soll. Deshalb ist mir wichtig, als Mitglied des Landtags da auch Entscheidungskompetenzen zu haben.

Was hat sich für Dich verändert, nachdem du 2014 Abgeordneter wurdest?

Das Leben ändert sich schon komplett. Bevor ich Landtagsabgeordneter wurde, haben alle noch gedacht: Der junge Kerl ackert sich ab wie ein bekloppter und steht bei Wind und Wetter am Stand und arbeitet total viel. Dann wendet sich das Blatt aber doch sehr schnell – und viele denken: Jetzt ist der Abgeordneter, bekommt ziemlich viel Geld und soll sich jetzt erstmal beweisen. Aber gerade das macht Spaß! Ich muss die Leute, die mich kritisch sehen, überzeugen, dass ich mit Leidenschaft Politik mache. Daran scheiden sich übrigens auch die Typen Politiker. Es ist ein Unterschied, ob man das so nebenbei und eher für sich selbst macht – oder ob man seine ganze Kraft investiert und Politik macht, weil man Ideale hat. Selbst wenn man dann scheitert.

Hast Du als junger Politiker einen besonderen Zugang zu jüngeren Menschen?

Der Zugang zu jungen Leuten ist natürlich wichtig. Ich halte beispielsweise oft Reden zur Jugendweihe. Diese Reden halte ich nie aus der Position des Erwachsenen, der schlaue Ratschläge gibt. Ich halte sie aus der Sicht des jungen Menschen, der Mama und Papa anspricht, weil er selber einen sehr engen Bezug zu seinen Eltern hat und dem Familie etwas sehr Wichtiges ist. Ich möchte den jungen Leuten auch die Chancen aufzeigen. Ich bin da ja auch ein gewisses Beispiel für junge Leute, die in unserer Region bleiben wollen. Man braucht eine besondere Portion Mut und Fleiß und auch ein gewisses Selbstbewusstsein – dann kann jeder alles werden.

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