Politik: Raus aus der Filterblase!

Filterkammer Echoblase Wahlkampf Politik
Leif Neugebohrn

Leif Neugebohrn

Politik- und Kommunikationsberater, Gründer von Überzeugungsarbeit.de und Geschäftsführer von Magnecon.
Leif Neugebohrn

Leif Neugebohrn

Politik- und Kommunikationsberater, Gründer von Überzeugungsarbeit.de und Geschäftsführer von Magnecon.

Politische Kommunikation und Wahlkämpfe drehen sich immer schneller um sich selbst – und die sogenannten Filterblasen werden immer stärker. Dies ist mein Eindruck der letzten Zeit. Anstatt mit den Wählerinnen und Wählern zu kommunizieren, spricht die Politik vor allem miteinander. Warum das so gefährlich ist – und was wir dagegen tun können, möchte in diesem Blogartikel zeigen.

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Ich bin genervt! Warum ich diesen Artikel einfach schreiben muss

In meiner täglichen Arbeit als Politik- und Kommunikationsberater werde ich ständig mit Filterblasen konfrontiert. Es herrscht ein regelrechtes Filterblasen-Denken. Gefühlt werden gerade Politikerinnen und Politiker von Echokammern und Filterblasen angezogen wie Motten von Licht. Jeden Tag werden so viele Stunden Arbeitszeit für vollkommen sinnlose Aktivitäten in der Bubble verschwendet – es nervt!

Ich dachte immer: Schlimmer als bei Twitter kann es nicht mehr werden. Und dann kam Clubhouse. Ein Netzwerk, was die Bubble schon im Namen hat. Und hunderte Politikerinnen und Politiker, die plötzlich sehr, sehr viel Zeit hatten für Ihre Talks. Raus aus der Bubble hat das aber – natürlich – nur dann gefunden, als sich einer der Ministerpräsidenten so richtig danebenbenommen hatte.

Ganz ehrlich, was soll das? Arbeitet endlich an einer vernünftigen Strategie die Menschen außerhalb der Filterblase zu erreichen! Deshalb hier ein ausführliche Artikel über die Gefahren der Filterblase – und wie Ihr raus aus der Bubble kommt.

Filterblasen: Ein technisches Phänomen?

Filterblasen werden oft als technisches Phänomen beschrieben: Algorithmen, die Botschaften und Kontakte regelrecht filtern und so eine Echokammer erzeugen. In meinen Augen wird immer stärker klar: Das Problem ist weniger technisch, als es uns lieb ist. Wir schaffen uns unsere Filterkammern in der Regel selbst. Wir suchen uns Menschen mit ähnlichen Ansichten und Themen – und konzentrieren uns dann immer stärker auf diese Kontakte. Dies passiert online genauso wie offline. Während uns dies im alltäglichen Privatleben oft viel Stress und Ärger vermeidet, ist es für das Marketing und besonders für die Politik ein gewaltiges Problem.

Filterblase: FAQ

Filterblasen und Echokammern
Filterblasen und Echokammern

Filterblasen in der Politik und im Wahlkampf

In der Politik sind Filterblasen ganz besonders ausgeprägt. Hier sind oft gleich mehrere Filterblasen parallel existent. Die größte Echokammer ist die der politisch aktiven Menschen. Wer in der Politik aktiv ist, bekommt schnell eine eigene Sichtweise auf Themen, Gesellschaft und politische Entscheidungen. Wir legen ideologische, personelle aber auch ganz viele organisatorische Maßstäbe an. Es macht eben einen Unterschied, ob man, um ein Beispiel zu nennen, die Situation der Schulen einer Stadt aus der Brille von Eltern oder Schülern betrachtet – oder seit Jahren in Planungen involviert ist, bürokratische und rechtliche Hürden kennt und die Verantwortlichen allesamt persönlich bekannt sind. Selbst mit extremen Mitbewerbern wird man sich über die Frage, wie eine Schule nun endlich saniert oder digitalisiert werden kann, auf einer ganz anderen Ebene unterhalten können.

Und jetzt wird es gefährlich: Dabei entstehen unterschiedliche Prioritäten und völlig andere Betrachtungsweisen. Die Menschen außerhalb der Bubble fühlen sich so oft ungehört und regelrecht abgehängt – obwohl die entsprechende Politik doch eigentlich für sie gedacht ist.

Die politische Filterblase ist online besonders stark

Am stärksten findet sich die Filterblase der politisch aktiven Menschen leider im Internet. Dies hängt tatsächlich mit den technischen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen zusammen. Offline haben wir automatisch Kontakte auch außerhalb unserer Bubble. Online dagegen machen es uns die Sozialen Netzwerke extrem einfach, uns auch außerhalb unserer unmittelbaren Umgebung unzählige Gleichgesinnte zu suchen. Die klassische Facebook-Seite einer Politikerin oder einer Partei sieht daher meistens gleich aus: Fans sind vor allem die eigenen Leute, bundesweit. Und mit Twitter gibt es sogar ein komplettes Social Network, was nahezu ausschließlich von einer besonders politisierten Filterblase genutzt wird. Wir sprechen also kontinuierlich mit uns selbst und fechten Debatten und Konflikte aus, die außerhalb oft nur zu Staunen und Kopfschütteln führen.

Filterblase Wahlkampf
Politik und Wahlkampf wirken manchmal wie ständiges Bubble Ball Soccer – die Wählerinnen bleiben nur Zuschauer.

Wahlkampf in der Echokammer bringt (fast) nichts!

Das Problem liegt, denke ich, auf der Hand: Diese ganzen Aktivitäten innerhalb der politisierten Filterblasen bringen nahezu nichts! Sie taugen oft nicht einmal mehr, um an Multiplikatoren heranzukommen. Denn wer bereits bis an den Anschlag politisch aufgeladen ist, wird sich kaum vom scheinbaren Diskurs innerhalb der Blase beeinflussen lassen – und wird so auch keine neuen Botschaften nach Außerhalb tragen. Wir verstärken eigentlich nur die Meinung der eigenen Leute. Ja, das ist auch etwas wert – das sollte aber eben nur ein kleiner Baustein innerhalb der Öffentlichkeitsarbeit darstellen. Wirklich bringen tun vor allem die Kontakte zu den Menschen außerhalb der politischen Bubble etwas.

So kommst Du raus aus der Filterblase

Aber wie kommen wir nun raus aus der ewigen Echokammer? Wie verlassen wir die verschiedenen Filterblasen? Das ist eigentlich recht simpel und gleichzeitig harte Arbeit. Wirklich funktionieren tut hier nur eine Kombination aus einer ständigen Überprüfung der eigenen Perspektive und der gewählten Inhalte und Botschaften auf der einen Seite und besonderer technischer Maßnahmen auf der anderen Seite.

1. Die Perspektive wechseln

Mit Abstand am wichtigsten ist: Wechsel Deine Perspektive. Betrachte Deine Politik und die Ausgangslage vor allem aus dem Blickwinkel, den Deine Zielgruppen einnehmen. Überlege Dir ganz genau, welche Kenntnisse dort überhaupt vorhanden sind und wie die Dinge dort wirken. Stelle Dir die Frage: Wie könnte man Dich am besten überzeugen, wenn Du selbst Teil dieser Zielgruppe wärest?

Eine gute – und wichtige! – Übung ist es, dies tatsächlich einmal so zu formulieren. Versetze Dich in die Perspektive eines Menschen in Deiner Zielgruppe und sprich die Dinge dann ganz konkret aus, so wie dieser Mensch es tun würde. Also: Stell Dir vor, Du seiest nicht Teil des Politikzirkus. Wie kann Dich nun eine Partei oder eine Kandidatin überzeugen? Wichtig ist: Wir dürfen nicht immer nur über Zielgruppen sprechen, sondern wir müssen es schaffen, so zu denken und zu fühlen wie sie. Anders ausgedrückt: Versuche Dich in die Filterblase Deiner Zielgruppe zu versetzen!

2. Die richtigen Kanäle verwenden

Der nächste Schritt ist es, die richtigen Kanäle zu wählen – ganz egal, ob online oder offline. Es geht nicht darum, ob Du einen Kanal besonders gut findest, sondern ob die Menschen Deiner Zielgruppe diesen bereits verwenden. Es gilt die alte, viel bemühte Regel: Geh dahin, wo die Menschen sind. Gehört haben wir das alle schon einmal, nur sich danach zu richten, das fällt uns leider immer wieder sehr schwer. Auf die Politik bezogen: Facebook ist wichtiger als Twitter. Und der Marktplatz wichtiger als Euer Schaukasten, den niemand von sich aus aufsucht. Und aus aktuellem Anlass: Auf Clubhouse wirst Du sicher keinen Wahlkampf machen können…

Welches die richtigen Kanäle für Dich sind, hängt ganz individuell von Deinen Zielen und Deinen Zielgruppen ab. Bist Du Dir unsicher, welche Kanäle für Dich lohnenswert sind? Dann hol Dir lieber Hilfe! Wenn Du hier eine falsche Entscheidung triffst, kann dies Deine gesamte Kampagne gefährden oder aber bedeuten, dass Du unnötig Aufwand und Energie investierst.

3. In der Sprache Deiner Zielgruppe sprechen

Der richtige Kanal nützt Dir dann aber nichts, wenn Du in der falschen Sprache sprichst. Du musst so verständlich sprechen, dass Deine Botschaften möglichst jeder innerhalb Deiner Zielgruppe beim ersten Mal hören sofort versteht. Ohne sich damit lange beschäftigen zu müssen.

Versuche, wo immer möglich, genau die Begriffe zu verwenden, die auch Deine Zielgruppe verwendet. Denn Die Bezeichnungen, die in Deiner Filterblase gebräuchlich sind, sind außerhalb oft unbekannt. Ja, dies wird manchmal durch andere Grundsätze erschwert – beispielsweise, wenn es darum geht, keine verletzende Sprache zu verwenden. Oft aber ist es reine Nachlässigkeit von uns – oder gar die Hoffnung, besonders wichtig und fachlich zu klingen. Wann ist eigentlich aus einem Kindergarten die Kindertagesstätte geworden?

4. Es geht nicht ohne: Reichweite kaufen!

Und jetzt kommt die vermutlich schwerwiegendste Regel: Organische Reichweite ist leider tot! Naja, nicht ganz – aber Du kannst Dich niemals auf sie alleine verlassen. Dies bezieht sich jetzt natürlich auf Dein Online-Marketing. Die beste Arbeit bringt dort nichts, wenn Du Dir kein möglichst großes Budget setzt, um Reichweite zu kaufen. Hier geht es um gleich mehrere grundsätzliche Dinge, wie beispielsweise eine möglichst große Zahl an Menschen zu erreichen.

Am wichtigsten ist aber die Funktion von Online-Werbung, aus der Filterblase auszubrechen. Nur mit Werbeanzeigen bei Facebook, Google und Co. können wir ohne großen Aufwand nachhaltig Menschen erreichen, die bisher keinerlei Berührungspunkte mit uns hatten. Du kannst es Dir buchstäblich aussuchen, welche Menschen Du erreichen willst – und dann erreichst Du sie auch. Dein Ziel sollte immer sein, dass die große Masse Deiner Zielgruppe immer wieder von Dir etwas mitbekommt – und zwar einfach so, ohne dass sie sich dafür bemühen muss.

Das schaffst Du ausschließlich mit bezahlter Reichweite. In Deinem Budget sollte dieser Teil also die größte Priorität bekommen.

Fazit: Raus ins echte Leben

Schaue ich mir politische Öffentlichkeitsarbeit und Wahlkämpfe an, sehe ich oft Marketing, was ausschließlich für die eigenen Filterblasen gemacht ist. Trotz großem Aufwand ist der Effekt dementsprechend meistens minimal. Politik muss aber endlich raus aus der Filterblase. Lasst uns die vielen Menschen außerhalb der politischen Echokammer ansprechen und ihnen unsere Visionen und Ideen zeigen und ihnen unsere Entscheidungen erklären. Das ist mit ein bisschen Übung – und mit Konsequenz! – eigentlich gar nicht schwer.

Zu diesem Artikel passen auch sehr gut meine Beiträge über Politiker, die ihre Aufgabe nicht verstanden haben und zu politischen Ritualen.

Fotos: travelview – stock.adobe.com & Shmel – stock.adobe.com

2 Kommentare zu „Politik: Raus aus der Filterblase!“

  1. Avatar

    Sehr geehrter Herr Neugebohrn!

    Ein durchaus engagierter Artikel, aber es entsteht dennoch der Eindruck, dass Sie den Bürger in Bezug auf seinen medialen Umgang für ziemlich inkompetent halten. Auch die Ansprache per “Du” weist in diese Richtung; so geht man (und gern die Politik) mit Kindern und Unmündigen um. Etwas komplexer wäre möglich, oder? Und die erste Zielgruppe Ihres Tun sollten Politiker sein, deren “Blasen” sind im täglichen Tun kaum zu übersehen. Sine ira et studio!
    Mit freundlichem Gruß
    Dr. Ostertag

    1. Leif Neugebohrn
      Leif Neugebohrn

      Vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich bin neugierig: Wo sehen Sie hier eine Aussage über die Mündigkeit von Bürgern? Dieser Artikel richtet sich, wie das gesamte Angebot dieser Seite, an Politikerinnen und Politiker (und andere Akteure in diesem Bereich). Politiker sind also bereits unsere “Erste Zielgruppe”. Und das Du in einem Blog… da brauche ich glaube ich nicht ernsthaft was zu sagen, oder?

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