Wahlkämpfe: Dramatische Veränderungen

Wahlkampf muss sich verändern
Leif Neugebohrn

Leif Neugebohrn

Politik- und Kommunikationsberater, Gründer von Überzeugungsarbeit.de und Geschäftsführer von Magnecon.
Leif Neugebohrn

Leif Neugebohrn

Politik- und Kommunikationsberater, Gründer von Überzeugungsarbeit.de und Geschäftsführer von Magnecon.

Wahlkämpfe haben sich in den vergangenen Jahren bereits immer stärker gewandelt. Die Corona-Krise hat dies nun drastisch beschleunigt. Die Veränderungen werden regelrecht dramatisch sein. In diesem Blogartikel zeige ich Dir die Hintergründe.

Mein erster Wahlkampf

Der erste Wahlkampf, an den ich mich so richtig zurückerinnern kann, ist der für die Bundestagswahl 1994. Ich war damals gerade 14 Jahre alt und fand alles mächtig spannend. Die vielen Plakate und die Sendungen im Fernsehen. Ich war beeindruckt von einem großen Interview mit Rudolf Scharping in der ARD, der am Ende auf den Hinweis der Redakteure, man spreche ein paar Tage später mit Helmut Kohl, selbstbewusst sagte: “Viel Spaß beim Abschiedsinterview”. Ja, es kam anders.

Besonders gut erinnere ich mich an eine Veranstaltung mit Wolfgang Schäuble in der örtlichen Stadthalle. Mein Bruder und ich machten uns extra aus fast 10 Kilometern Entfernung mit dem Fahrrad auf den Weg und harrten dann mit hunderten Menschen in der Stadthalle aus, bis Schäuble eintraf.

Warum erzähle ich das so ausführlich?

Weil die Welt heute eine völlig andere ist – deutsche Parteien aber noch immer nach den gleichen Mustern von damals Wahlkampf machen.

Im Jahr 1994 war das Privatfernsehen noch relativ jung, Politiker weit – nein, sehr weit – weg und ein Infostand in der Fußgängerzone ein echtes Informationsangebot. Und Plakate haben richtig Aufmerksamkeit erzeugt. Dies alles ist heute anders. Wahlkampf sieht aber oft trotzdem noch ganz genauso aus wie damals.

Alte Wahrheiten gelten nicht mehr

Nicht nur die Welt ist eine andere, auch die damaligen Rezepte funktionieren schon lange nicht mehr wirklich. Auf die Menschen des Jahres 2021 prasseln jede Minute nahezu unglaublich viele Informationsangebote ein. Mit dem inzwischen alltäglichen Smartphone (86 Prozent der Deutschen nutzen eines!) haben wir jederzeit Zugriff auf unendlich viele Informationen und Medienarten. Und wir nutzen diese auch. Dabei haben wir die komplette Freiheit, zu entscheiden, was wir wann und wie konsumieren wollen.

Es ist heute schwer vorstellbar, dass eine vollkommen nüchterne, langwierige Veranstaltung in der Stadthalle mit einem CDU-Fraktionsvorsitzenden noch zwei Jugendliche zu einer 10 Kilometer langen Fahrradfahrt bringt. Auch an Plakaten und Infoständen laufen wir heute meist einfach achtlos vorbei.

Die Wahlkampfmethoden der Vergangenheit sind nicht alle schlecht. Aber sie müssen endlich weiterentwickelt werden. Wir werden auch in Zukunft einen kreativen Straßenwahlkampf machen. Aber die Zeit des klassischen Infostandes ist lange vorbei. Es braucht neue, innovative Ideen. Und dazu müssen wir übrigens auch endlich raus aus unseren ständigen Filterblasen.

Kommunalwahlkampf
Wahlkampf 2015 in Düsseldorf – Straßenwahlkampf muss weiterentwickelt werden

Wahlkampf muss professioneller werden

Besonders schlimm ist es, wenn die Aufmerksamkeit der Menschen vor allem dadurch geweckt wird, dass von den Parteien etwas ganz offensichtlich selbstgemachtes veröffentlicht wird, etwas, das aus der Hochglanz-Umgebung der vielen Medien durch eine leicht peinliche Unprofessionalität heraussticht.

Wie verändert sich Wahlkampf also nun? Er muss sehr viel professioneller werden, um noch mithalten zu können.

Das betrifft alle Bereiche der Kampagne. Ein Wahlkampf muss immer hochprofessionell wirken. Das ist immerhin eine Bewerbung um Verantwortung. Professionell müssen aber auch Strategie und Botschaften sein. “Weil ich etwas bewegen will” ist heute einfach kein ausreichendes Argument mehr, um sich um ein politisches Amt zu bewerben.

Wir werden also zwangsweise in den kommen Monaten und Jahren eine starke Professionalisierung erleben. Und das hat Konsequenzen für all diejenigen politischen Akteure, die da nicht hinterherkommen. Die Karten werden vielerorts vollkommen neu gemischt. Bisherige Platzhirsche werden immer öfters ihr blaues Wunder erleben, wenn plötzlich scheinbare Außenseiter mit einer professionellen Kampagne vor Ort aufschlagen.

Meine Angst ist, dass dies gerade die falschen zuerst umsetzen werden! Die Hetzer, die Populisten, die Rechten! Die AfD hat dies teilweise schon bitter vorgeführt.

Anforderungen steigen massiv

Einen besonders großen Anteil an diesen Veränderungen haben die mit Wahlkampf verbundenen technischen Anforderungen. Als ich Anfang der 1990er in der Schule eine Schülerzeitung gegründet habe, reichte dafür eine Schreibmaschine, ein Buch mit grafischen Kopiervorlagen und ein Kopierer. Heute braucht es dafür eigentlich ein professionelles Layoutprogramm wie InDesign, umfangreiche Grafikkenntnisse, Fähigkeiten in Fotografie, Bildbearbeitung und das Wissen um die Aufbereitung von Druckdaten.

Im Wahlkampf ist das noch viel schlimmer. Dass Microsoft Word oder Powerpoint nicht geeignet sind, Plakate und Drucksachen zu gestalten, hat sich hoffentlich herumgesprochen. Aber wie viele Teams haben vor Ort Zugriff auf Profis aus den Bereichen Webdesign und Entwicklung, Contenterstellung, Social-Media-Marketing, Community Management, digitale Anzeigen, Suchmaschinenoptimierung, Videodreh- und schnitt, Werbetechnik und vieles mehr?

Auch die Erarbeitung von Strategien wird immer komplexer. All die gerade genannten technischen Werkzeuge bringen nichts, wenn sie nicht im Rahmen einer fundierten und schlagkräftigen Strategie eingesetzt werden.

Onlinewahlkampf: Wir müssen digitaler werden

Am stärksten liegen alle Veränderungen aber im Bereich der Digitalisierung und der Verwendung von Online-Kanälen. Ein guter Wahlkampf wird heute immer mit dem Online-Marketing im Zentrum geplant! Alle weiteren Maßnahmen und Kanäle leiten sich aus dem Onlinewahlkampf ab. Vor nicht allzu langer Zeit war dies noch andersrum.

Dieser Grundsatz ist unglaublich wichtig. Trotzdem muss ich noch immer regelmäßig Diskussionen führen, der Online-Bereich sei ja nur ein Nebenschauplatz, weil “da erreichen wir ja gar nicht alle”.

Jetzt einmal deutlich: Doch! Wir erreichen heute nahezu alle Menschen online!

Es ist nur eine kleine Minderheit übrig, die wir nicht online erreichen. Und bei keinem anderen Medium muss ich diese Diskussion führen. Die Zahl derer, die wir nicht erreichen können, liegt mit jedem anderen Kanal deutlich höher!

Es muss also endlich klar werden: Digitaler Wahlkampf ist der Standard. Das ist nichts Neues, nichts Besonderes, sondern die unabdingbare Basis!

Das Thema Fundraising muss und wird kommen!

Dies alles hat zwangsläufig Auswirkungen auf die benötigten finanziellen Mittel und Budgets. In Deutschland fristet das Thema Fundraising bisher ein absolutes Nischendasein. Meine Kontakte und Freunde in den USA, Kanada und Australien sind davon immer völlig verblüfft – dort nimmt das Sammeln von Spenden einen extrem großen Stellenwert ein.

Ob es uns passt, oder nicht: Das wird bei uns auf kurz oder lang auch kommen (es sei denn, Budgets werden gesetzlich drastisch reguliert). Heute können Kandidatinnen und Kandidaten bereits mit wenig Aufwand ein Vielfaches an Spenden einsammeln und damit die politische Landschaft vor Ort drastisch verändern. Wer davon nicht abgehängt werden will, muss dann auch sammeln.

Wahlkampf neu denken

Es hilft letztlich nur eines: Du musst Wahlkampf neu denken und Dich mit den Werkzeugen und Strategien der Gegenwart auseinandersetzen. Und in den meisten Fällen wird es in der Zukunft heißen: Alleine kann man eine Wahlkampagne auch vor Ort kaum mehr bewältigen. Demokratie wird anstrengender, fordernder. Das kann man mitmachen – oder untergehen.

Übrigens: Wie die aktuelle Corona-Krise den Wahlkampf ganz konkret verändert, habe ich vor einigen Monaten bereits in diesem Artikel besprochen. Schau Dir doch auch unsere Themenseite Wahlkampf einmal an!

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